Von der Stadt in die Stille

Camaldoli Eremo JosuaBöschsZelle8Ab dem Martinsfest hat sich Franz von Assisi jeweils radikal zurückgezogen: nach bewegten Herbstwochen unterwegs in Bergwälder, sesshaftes Leben mit ein paar Gefährten in "Eremitagen", Wochen der Sammlung und der inneren Schritte dem Advent und Weihnachten entgegen. Im Rahmen ihres Sabbats sind sowohl Nadia wie Niklaus während des Oktobers in Rom gewesen: unsere Teamfrau mit einer Reise der FG (sabbatical-gerecht als geniessende Teilnehmerin) sowie am Generalkapitel des Weltordens, unser Teambruder zur eigenen Weiterbildung und Beziehungspflege. - Für Niklaus ging der Weg aus der Stadt in die Stille: ein 1000-jähriges Eremitendorf unweit von La Verna. Und dort ist dem Franziskuskenner einiges Neue über Franziskus klar geworden - und sich selbst. Ein paar Impressionen und Früchte aus dem Monat in tiefster Stille reicht er hier Interessierten in der Heimat weiter.

 

Liebe Freunde und Gefährtinnen, Schwestern und Brüder
nördlich der Alpen

Vor der Abreise in mein Sabbathalbjahr habe ich zugesagt, im Herbst einmal aus den reichen Erfahrungen eine auszuwählen und ein Lebenszeichen zu schreiben. Weil ich heute für einen Tag online komme und morgen nach Israel reise, wo es mit einem interreligiösen Pilgerabenteuer von den Jordanquellen quer durchs Heilige Land ans Rote Meer geht (und ich dieses Jahr sowie bis Dreikönig nicht mehr online komme!), erfülle ich das Versprechen nach dem Monat in Camaldoli.

Warum Franziskus die adventliche Vorbereitung auf Weihnachten gleichsam schon an "Martini" begonnen hat, ist mir am diesjährigen Martinsfest in der Toskana deutlich geworden: Das Bild zeigt das tausendjährige Eremitendorf im Apennin - eine Tageswanderstrecke nördlich von La Verna - zwei Tage später, am 13. November, nach zwei Tagen Schneesturm! Oben noch herbstlich sonnig und warm, am Morgen nach meiner Ankunft. Für Freunde von Josua Bösch und seiner Metallikonen: der evangelische Zürcher Pfarrer, Goldschmied und Mystiker lebte hier im diesem Dorf im Eremitenhaus, das im sonnigen Bild direkt vor der Kamera liegt, ganz oben. Im winterlichen Bild liegt das Haus ganz hinten, rechts, in der hier nebligen Ecke des geschützten Eremo-Bezirks:

Camaldoli Eremo Winter2017Nov15a

Zurück zu Franz von Assisi: Die Einsiedler erzählen, dass der Bruder aus Assisi Ende August 1220 hier gewesen sei, zur Weihe ihrer Klosterkirche durch Kardinal Hugo von Ostia. Kurz zuvor war der Poverello aus Ägypten zurückgekehrt, fand seinen jungen Orden in Aufruhr vor, erbat sich von Papst Honorius einen Berater aus der Römischen Kurie und erhielt den vielreisenden Kardinal von Ostia. Diesen hätte Franziskus dann hier angetroffen: der Beginn einer dramatischen Geschichte! Franziskus schreibt in jenen Monaten aber auch seine Zusatzregel für "Brüder, die sich Gott suchend eine Zeitlang in Eremitorien zurückziehen". Sie sollen die einen "das Leben der Maria führen" lassen, in einem geschützten Bereich ("claustrum"), während die anderen sich wie Marta um alles Notwendige kümmern. Und in einem Rhythmus, der ihnen gut erscheint, sollen sie die Rollen wechseln. Franz und seine engsten Gefährten haben jeweils 40 Tage so gehalten. Mir war es vergönnt, in 25 Tagen in der stillen Oase von Camaldoli durchgehend "das Leben der Maria" (von Betanien) zu führen! Noch nie in meinem Leben bin ich derart sesshaft und so schweigsam gewesen! Und ich habe nach meinen Pilgerwegen durch den Herbst Franziskus zutiefst begriffen, der sich aus allen Begegnungen löst und in stille Bergwälder eintaucht! Umso mehr, dass der Winter dann jedes Wanderleben ungemütlich macht, obdachlos und ungeschütztes Wandern erst Recht!

Camaldoli Schneefall2017e

Im Sacro Eremo von Camaldoli lebt jeder der weissen Mönche in einer "Zelle" (lateinisch cella = kleiner Raum), die hier allerdings ein kleines Haus mit eigenem Garten bedeutet. Jedes Eremitenhäuschen besteht aus einem Flur mit Werkraum, Schreibstube, Holzlager, Wohnraum mit Holzofen, Kapelle und Nasszelle. Dazu das ummauerte Gärtchen. Die Zellen-Häuser reihen sich aneinander und bilden drei Gassen, die oben mit einer Kapelle und unten mit der Kirche, Gästehaus, Bibliothek, Kapitelssaal und Essraum abgeschlossen werden. Ein Gitter trennt den geschützten Bereich der Mönche zusätzlich vom "Kirchplatz" mit den angrenzenden Gemeinschaftsräumen, die auch Gästen zugänglich sind. Der Bereich Martas geschützt - Franziskus' "claustrum" - und der Bereich der "Brüder Martas", die erreichbar sind.

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Der Blick von oben Richtung "Marta-Bezirk" unten bei der Kirche! In der Kirche haben wir viermal täglich das Gotteslob gesungen und Lesungen gehört. Das ersten Mal in der Dämmerung im 6°° (Matutin), dann im ersten Sonnenlicht (Laudes), am Mittag und schliesslich in der einbrechenden Nacht (um 19°°). Die Hymnen und Psalmen werden nach eigenen Melodien gesungen, sehr viel inniger als die gregorianischen. Und aggressive oder allzu selbstgerechte Bibelverse erscheinen ganz einfach als Fussnoten und werden nicht gebetet!

In meiner Zelle überraschte mich das Damianokreuz - zusammen mit dem kleinen Holzofen, den es sorgsam zu nähren galt - ein feines Zeichen dafür, mit wem ich den Lebensraum hier teile: das Feuer im Ofen ein Symbol der Geisteskraft, der pfingstlichen Ruach, welche ich täglich bat, ihrerseits der Glut meiner Seele Sorge zu tragen. Dieses Gebet hat sie denn auch liebevoll erfüllt: wie oft brannte mein Herz in dieser Zeit! Und das Damianokreuz liess mich buchstäblich "Christus auf Augenhöhe" betrachten - und wie Maria von Betanien ganz Auge, ganz Ohr zu sein.

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Ich füge als zwei Früchte dieser intensiven Zeit einen Überblick auf das Damianokreuz bei, der ins Gespräch mit "Christus auf Augenhöhe" führt. Dieser ersten Seite folgen (hier nicht zugänglich) zehn weitere Seiten, die das hier Angetippte eingehend entfalten.

pdfDamianokreuz - ins Gespräch einladend mit Christus auf Augenhöhe

 

Über alle vier Wochen denkt die zweite Beilage nach: es sind die wöchentlichen Rückblicke, die ich meinen Brüdern nach Olten sandte. Jeden Tag habe ich eine Erfahrung in ein Kurzgedicht vom Typ "Elfchen" gefasst. In diesen Gedichte folgen einander fünf Verszeilen mit 1+2+3+4+1 Wörtern (total 11 = "Elf-chen"). Ziel ist nicht eine literarisch schöne Form, sondern die kürzest-mögliche Entfaltung eines Themas oder einer Erfahrung. Wer Interesse hat, meine Erfahrungen durch vier stille Intensivwochen nachzuvollziehen, kann und darf hier den Weg im Siegel der Elfchen und der hinführenden Kurzkommentare abschreiten.

pdfVier Wochen Camaldoli - im Spiegel von Kurzgedichten

Und um den Spannungsbogen wieder zurückzuspannen: Franziskus blieb nicht in Eremitagen, sondern stieg nach 40 Tagen wieder ab in die Täler und Dörfer, wanderte hinaus aufs Land und in die Städte. Nach Weihnachten allerdings nur kurz, um sich bis Ostern zwei weitere 40-Tage-Ritirozeiten zu gönnen - der neuen Wanderssaison des Frühlings entgegen. Hier drei weitere Bilder: das eine zeigt das Eremo von Camaldoli am 17. November bei meinem Aufbruch, zwei weitere sidn aus der Zeit zuvor in Rom: eine Impression ist auf der Via Appia antica entstanden, die andere zeigt Franz mit Gefährten am Franziskusfest selbst, Erinnerung an die erste Romreise der Brüder, die den Lateran grüssen - genauer Christus, der über der Kirche steht!

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Rom Lateran Franziskus3

Rom ViaAppiaAntica Weg20