Viertes grosses Treffen der Religionen in Assisi

Nach dem Sommer, der durch Terrorakte und kriegerischen Dschihad für blutige Schlagzeilen sorgte, setzen an der Schwelle zum Herbst alle bedeutsamen Religionen ein entschlossenes Zeichen für den Frieden: 500 Vertreter der Welt- und Naturreligionen sowie aller kleinen und grossen Weltkirchen erklären jede Form von Gewalt im Namen Gottes für gottlos. "Es gibt keine heiligen Kriege", ruft Franziskus von Rom vor der Franziskuskirche in der abschliessenden Friedensfeier aus, und die Delegationen unterstützen den Zusatz mit bewegtem Applaus: "Heilig nennen darf sich allein der Friede", Geschenk Gottes und Werk beherzter Menschen.

Assisi Religionen 2016Sept20Nicht Jerusalem oder Mekka, keine heilige Stadt Asiens und kein UNO-Sitz wie New York oder Genf verbindet die Religionen der Welt: Es ist das kleine umbrische Städtchen Assisi, die Heimat von Bruder Franz, der im hohen Mittelalter zum Propheten eines Gottes geworden ist, dessen Geist in allen Menschen wirkt. Das Bild zeigt die ökumenische Feier der Weltkirchen am Sonntag, zu Beginn des dreitägigen Treffens, auf dem unteren Vorplatz der Kirche San Francesco.


Assisi Religionen Treffen2016SeptAm Dienstag fanden sich die Delegationen der Weltkirchen im Esssaal des Sacro Convento ein, wo sie zusammen mit Flüchtlingen aus Syrien zum Essen geladen waren. Im Vordergrund die Umarmung zwischen Bischof Franz von Rom und dem ökumenischen Patriarchen Bartholomäus I. von Konstantinopel (Istanbul).

Das Friedensgebet vom 18.-20. September ist das Vierte grosse Treffen von hoch- und höchstrangigen Vertretern der Weltreligionen und -Kirchen. Genau 30 Jahre nach dem ersten Treffen dieser Art, zu dem Johannes Paul II. im Oktober 1986 einlud, ist es alles andere als ein Jubiläumsanlass. Die drei Tage Gebet, Begegnungen und Workshops sprechen eindringlich in ein Tagesgeschehen, das religiös verblendete Fanatiker auch in Europa zunehmend Angstreaktionen provozieren lässt: Ihre Folgen sind wachsende Fremdenangst, Wahlsiege populistischer Parteien und antiislamische Hetze.

 

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Das Programm der drei Tage, zu denen Franziskus von Rom sich - ganz seiner Politik folgend - als Teilnehmer geschwisterlich unter die anderen hohen und höchsten Vertreter der Kirchen und Religionen gesellte, wurde von der franziskanischen Familie und der römischen Laiengemeinschaft Comunità di Sant'Egidio vorbereitet. Letztere zeigt in ihrem Buch "Lo Spirito di Assisi" auf, dass in keinem anderen Bereich das zweite Vatikanische Konzil derart entschlossen weitergeschrieben wurde wie im interreligilösen Dialog und der gemeinsamen Friedensarbeit.

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Wortlaut des von den Religionen in Assisi gemeinsam unterstützten Friedensappells:

Friedensappell der Religionen in Assisi vom 20. September 2016

Druckfasssung: pdfFriedensappell der Religionen - Assisi 2016 (Druckfassung)

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Zog Benedikt XVI. beim dritten grossen Friedensgebet vom Oktober 2011 auch agnostische Menschen bei, um Kircvhen und Religionen daran zu erinnern, dass keine die Wahrheit besitzt und alle gemeinsam "pilgernd zu Wahrheit und Frieden" unterwegs sind, waren zum Vierten grossen Friedensgebet Flüchtlinge eingeladen, die aus Krieg und Gewalt fliehend ihr Leben riskierten und in Europa eine sichere zukunft suchen. Franziskus kam mit einer der jungen muslimischen Familien mit nach Assisi, die er im Frühling aus Lesbos mit sich nach Rom nahm. "Friede auf Erden" fordert auch das privilegierte Europa zu überzeugender Geschwisterlichkeit auf - und primär jene, die "Vater unser" beten - wenn Gott der Vater aller Menschen ist.

Assisi Religionen2016 Flüchtlinge

Das Schicksal und Beispiel der jungen Flüchtlingsfamilie macht deutlich: die Migrations- und Flüchtlingswelle spült nicht "Fälle" und Probleme an Europas Grenzen und auf griechische oder italienische Inseln, sondern Menschen. Christen und Christinnen sind wach und offen für Menschen mit "Freuden und Hoffnungen, Sorgen und Nöten", wie das Konzil es treffend schrieb. Auch die syrische Familie, die der Papst von Lesbos mit nach Rom nahm und die in Assisi für die Opfer der aktuellen Kriege stand, hat Namen und Geschichter: der junge Vater Mohanad Zanboua und seine Frau Nour haben auf den Weg gemacht mit dem Mut der Verzweiflung, die ihrem Töchterchen Maria ein sicheres Leben und Zukunft wünscht.

Welche Blüten dagegen Fremdenangst und Fremdenfeindlichkeit in Europa treibt, zeigt die Süddeutsche Zeitung gleichentags an einem Berliner Wahlsieger, der Flüchtlinge als widerliches Gewürm bezeichnet. Seine aggressiven Parolen brachten ihm einen eklatanten Wahlerfolg ein.

pdfAbgeordneter Nerstheimer: Flüchtlinge sind Gewürm