Im Gespräch - ein Leben lang auf Wanderschaft

Für Bruder Niklaus bedeutet Spiritualität ein Leben mit Tiefe und Weite: «Je tiefer ein Baum Wurzeln schlägt, desto weiter kann er sich strecken.»

Niklaus Kuster ist Kapuziner im Kloster Olten, Dozent für Spiritualität und Buchautor. Er führt ein wortwörtlich bewegtes Leben. 

ISABEL HEMPEN war für den Oltener Stadtanzeiger mit ihm im Gespräch:

Niklaus Kuster entspricht beileibe nicht dem gängigen Bild, das man sich von einem Mann der Kirche macht. Kuster ist Mönch im Kapuzinerkloster Olten, bevorzugt aber den Begriff «Bruder». Die Anrede bringt das Wesen des Kapuzinerordens auf den Punkt: Die Kapuzinergemeinschaft, die einer Reformbewegung innerhalb des Franziskanerordens im 16. Jahrhundert entspringt, lebt nach der Regel des heiligen Franz von Assisi. Geschwisterlichkeit und die Nähe zu den Menschen gilt ihr als zentraler Wert.

 

Zur Spiritualität berufen

«Kapuziner zu sein, ist mehr eine Lebensform als ein Beruf», erklärt Kuster. Eine Berufung, in anderen Worten, die in seinem Fall eine unglaubliche Fülle von Tätigkeiten mit sich bringt. Zum einen lehrt der 54-Jährige, der Theologie und Geschichte studierte, an der Universität Luzern Kirchengeschichte. Ausserdem reist er häufig nach Münster und Madrid, wo er an der jeweiligen Ordenshochschule Spiritualität unterrichtet. Ein Thema, das sehr gefragt sei, wie er sagt. «Ich habe ein praktisches Verständnis von Spiritualität. Es geht um ein Leben mit Tiefe und Weite, um Fülle. Analog einem Baum: Je tiefer er Wurzeln schlägt, desto weiter kann er sich strecken.» Neben seiner Lehrtätigkeit hat er rund 30 Bücher geschrieben. Zuletzt brachte er zweitausend Jahre Kirchengeschichte auf vierhundert Seiten unter. Ursprünglich war das Buch als Lehrbuch für die Theologieausbildung gedacht. Es stiess jedoch bei den unterschiedlichsten Leuten auch ausserhalb der Kirche auf Interesse – dies angesichts kirchengeschichtlicher Werke, die schon mal ganze Regale füllen. Beim Schreiben verfolgte er einen durchaus kritischen Ansatz. Als Kapuziner geniesst er jedoch innerhalb der katholischen Kirche eine grosse Freiheit. Sein Orden ist demokratisch strukturiert und keinem Bischof, sondern dem Papst direkt unterstellt. Das Verhältnis zum Vatikan sei sehr gut, sagt er. Seine Bücher ziehen Kreise, die er im Voraus nicht abschätzen kann. So sorgen sie auch für ungewöhnliche Anfragen. Für den Lions Club etwa sollte er während eines Mittagessens am Zürichsee eine 20-minütige Meditation leiten. Spiritualität light quasi, aber er nahm die Bitte ernst. Er forderte die Anwesenden auf, die vergangene Woche zu rekapitulieren. Er habe lediglich Raum zur Wahrnehmung geschaffen, aber die Leute seien hochbeglückt gewesen, lacht Bruder Niklaus.

 

Keine Wurzeln schlagen

Als Wanderbruder taucht er ständig in die verschiedensten Milieus ein. Sein Arbeitsgebiet ist, neben seiner Hochschultätigkeit im Ausland, die ganze Schweiz. Er gibt Kurse, hält Vorträge oder coacht Teams. Dabei sehe er sich er immer an, was der einzelne Mensch suche. Des Weiteren begleitet er Reisen mit einem Bezug zur franziskanischen Spiritualität, häufig nach Assisi. Die Pilgerreisen verliefen sehr improvisiert und nicht in erster Linie komfortabel, man übernachte auch draussen. Im Vordergrund stehen dabei Natur, Kultur und Spiritualität. Die Reisen seien letztendlich Reisen zu einem selbst, betont er. Kapuzinermönch ist Kuster, der im sankt-gallischem Eschenbach aufwuchs, seit 31 Jahren. In dieser Zeit war er in 12 Ordensgemeinschaften in der Schweiz stationiert. Das Ziel eines Kapuziners ist es nicht, an einem Ort Wurzeln zu schlagen, erklärt er. Stattdessen wechsle man alle paar Jahre die Gemeinschaft und arbeite auch nicht stets am selben Ort. Nach nunmehr 12 Jahren, in denen Olten sein Zuhause war, drängt sich die Frage auf: Ziehen Sie bald schon weiter, Bruder Niklaus? Es gebe derzeit eine Brudergemeinschaft in der Schweiz, die ihn für ein Projekt in ihr Kloster holen möchte, sagt er. Das geschehe aber nicht von heute auf morgen. Vorläufig bleibt seine Basis Olten.

 

PDF IconIm Gespräch mit Br. Niklaus Kuster